
Stanislav Čáp - Über die Arbeit
Ich verfolge bei meiner Arbeit den Gedanken, die Wirklichkeit auf neue Art und Weise darzustellen. Linien, Farben und Formen sind in meiner Arbeit selbständige Bildelemente. Sie sind einer selbständigen Aussage fähig, und sie bieten die Möglichkeit, sich gegenseitig zu ergänzen, um die Bildaussagen im Ausdruck zu unterstützen und zu vervielfältigen. Formen verlieren so ihre ursprüngliche Funktion, Farben sind nicht als Lokalfarben festgelegt und Linien nicht zu Konturen degradiert. Auch die schwarze und weiße Farbe hat die gleiche Ausdrucksqualität wie jede andere Farbe und ist nicht auf ein Mittel der Darstellung der Plastizität oder desv illusiven Raumes reduziert.
Meine Bildkonzeptionen beruhen nicht auf traditionellen Gesetzen. Sie sind nicht Ausschnitte aus einem Raum, wo die Gegenstände ihre feste Stellung haben, die ihnen die lineare oder illusive Perspektive verleiht und die dann - unabhängig von der sogenannten Modernität des Malens - immer nur eine mehr oder weniger ausgeprägte Variante des klassischen Aufbaus bedeuten. Räumung der Bildfläche, Befreiung von allem, was sie an das Traditionelle gebunden hat, sind Voraussetzung meiner Arbeit. Die Bildfläche als Ebene, als Arena, in der sich alle Elemente frei bewegen und nach ihrer Bedeutung entfalten können.
Maßstab für die Qualität meiner Bilder ist die Stärke des Ausdrucks.
In manchen Arbeiten findet man Schrift- oder Collageelemente. Ich verwende Papier, Schmetterlinge oder anderes Material, um ein Spannungsfeld im Bild aufzubauen - es befindet sich ein fremder Körper in der Fläche, der selbst um die eigene Integration kämpfen muß. Es geht nicht darum, durch den Gebrauch dieser Materialien die Realität wieder gegenwärtig sprechen zu lassen, wie es von den Künstlern in der Zeit des synthetischen Kubismus beabsichtigt war.
In den letzten Jahren gewinnt die Schrift für mich zunehmend an Bedeutung. Während zunächst das geschriebene Wort seine ursprüngliche Funktion im Bild behielt, lasse ich heute nur noch die graphische Schönheit des Geschriebenen gelten. In unterschiedlichsten Größen, Farben und Intensitäten übereinander geschrieben, wird sie zu einem selbständigen graphisch-malerischen Element. Aus ihrer ursprünglichen Funktion herausgehoben, gewinnt sie eine neue Qualität: sie wird Ausdruck optischen Erlebens vor ihrem Verständigungscharakter. Vordergründige Verständigung durch Sprache wird in Frage gestellt.
Auf die Frage, wie er seine Bilder male, hat Camilie Corot geantwortet: "Ich bin aufgeregt." Sicher ist Aufregung eines der wichtigsten Stimulantien künstlerischer Arbeit. Wichtiger ist für mich der Mut - der Mut, ein Risiko einzugehen, sich immer auf Neues einzulassen, immer bereit sein zu experimentieren und sich nie mit dem Erreichten zufrieden zu geben - oder aber lieber alles zu vernichten und wieder und wieder von neuem zu beginnen. Es ist ein Kampf, der nie zuende geht, ein"tragisches Abenteuer", wie Picasso die Situation des Künstlers seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschrieben hat, wo jeder vom Anfang bis zum Ende absolut allein bleibt und für alles, was er macht, die Verantwortung trägt.
